Gerd Schinkel “Phil Ochs Programm”

Datum/Zeit
Date(s) - 09/09/2016
20:00 - 22:00

Veranstaltungsort
Folkclub Folkfrühling Gasthaus Linnenschmidt

Kategorien


Gerd Schinkel – „Der Orpheus mit dem Januskopf“-

Phil Ochs Portrait-Programm

Phil Ochs war einer der wichtigsten „Liedermacher“ der USA. Anfang der sechziger Jahre haben er und andere alte und junge Folksänger, vor allem in New York, nicht nur neue kämpferische Lieder geschrieben und gesungen, sondern sich auch in sozialen Bewegungen engagiert. Als profilierter singender Vertreter dieser jungen amerikanischen Protestgeneration war Phil Ochs 1968 zum Songfestival „Chanson Folklore International V“ an Pfingsten auf die Burg Waldeck eingeladen worden. 1976 nahm er sich das Leben. Vier Jahrzehnte danach ist dies ein Anlass, sich an ihn zu erinnern.

Phil Ochs

Phil Ochs

Im Programmheft des 68er Waldeck-Festivals wurde er vor 40 Jahren so vorgestellt:

„Phil Ochs  wurde 1940 in El Paso/Texas geboren. Er studierte in Ohio Journalistik, merkte aber bald, dass er aufgrund der amerikanischen Tabus nicht das veröffentlichen konnte, was er dachte. Er entwickelte sich zum politisch wachsamen, zornigen jungen Mann. Durch eine Wette bei der Wahl J. F. Kennedys zum Präsidenten der USA gewann Ochs eine Gitarre. Er schrieb und textete satirisch-aggressive Verse und Lieder, die von den jungen Coffee-House-Sängern aufgegriffen wurden und sich schnell verbreiteten. Seine Songs setzten sich mit der Kuba-Krise, dem schmutzigen Krieg in Vietnam, dem Militarismus, der Bürgerrechtsbewegung, den Gewerkschaften und Parteien auseinander. Es ist keine überspitzte Polemik, keine Effekthascherei in seinen Liedern. Sie fordern zum Nachdenken, zum Gebrauch seines eigenen Verstandes auf. Phil Ochs begann als Protestsänger, aber seine letzte LP (Pleasures of The Harbor) zeigt, dass er als singender Journalist zu einem Exponenten der Untergrund-Musik wurde. Seine Melodien sind sehr poppig geworden, während die Texte  immer noch Missstände aufdecken und unnachgiebig die „Große Gesellschaft“ attackieren.“

Beim Newport-Folkfestival 1964 war Bob Dylan die Rolle des singenden Protest-Gurus leid und griff zur E-Gitarre. Phil Ochs beanspruchte als Kronprinz, dem auch niemand den Anspruch streitig machte, den nun verwaisten Thron als „King of Protest“ – doch den hatte Dylan nicht nur geräumt, sondern gleich mitgenommen. Rastlos hetzte Ochs hin und her zwischen Solidaritätskonzerten und politischen Aktionen, getrieben von der Idee, mit Liedern die Welt zu verbessern, aber auch in der Hoffnung auf einen kommerziellen Erfolg, wie ihn Dylan schon erzielt hatte. Warum hat es ihn mit eigenen, noch dazu politischen Liedern auf die Bühne gezogen, um von dort aus die Welt zu verändern – bei gleichzeitiger, illusorischer Hoffnung auf kommerziellen Erfolg? War es Geltungsdrang oder nur Mitteilungsbedürfnis, Eitelkeit, gar Fanatismus oder Missionseifer? Seine Biographie sagt dazu wenig.

Als der 27jährige Phil Ochs 1968 zu den Konzerten in Deutschland eingeladen wurde, hatte der Protest der linken Studenten hierzulande seine ersten heißen Phasen hinter sich. Ein Jahr vorher war in Berlin bei den Demonstrationen gegen den Schah von Persien der Student Benno Ohnesorg erschossen worden, und an Gründonnerstag fielen die Schüsse auf Rudi Dutschke. In dieses aufgeheizte gesellschaftliche Klima kam mit Phil Ochs, der seine engagierten Liedern bereits auf fünf LPs veröffentlicht hatte, der politischste der amerikanischen „singer-songwriter“ nach Deutschland. Er verdiente nicht schlecht, aber die große Karriere war ihm noch nicht vergönnt. Seine „journalistische“ Phase als „topical songwriter“ glaubte er hinter sich, hatte nun neben politischen Hoffnungen auch künstlerischen Ehrgeiz. Etwa eine Woche vor seinem Auftritt in Deutschland aber riss ihn die politische Realität aus seinen Träumen: Robert Kennedy, der Phil als Wahlhelfer hatte gewinnen können, war ermordet worden. Als nach dem Parteitag der Demokraten im August in Chicago Hubert Humphrey Präsidentschaftskandidat wurde – und erst recht, nachdem dieser die Wahl gegen Nixon verlor -, blieb Phil eher nur noch ein Getriebener seiner eigenen Träume von einer besseren Welt, als dass er noch aktiv auf Dauer dafür hätte kämpfen können. Immer häufiger versank er in Resignation, Depressionen – und im Alkohol.

In den anderthalb Jahrzehnten seit er 1960 in Ohio seine ersten Auftritte hatte bis 1976 verlief die Karriere von Phil Ochs in extremen Wellen, verstärkt durch Erfolge und Rückschläge – persönliche wie politische, die er wiederum nahezu persönlich nahm -, sowie durch Depressionen und Alkoholismus, bis sie schließlich in Schizophrenie, Obdachlosigkeit  und Suizid endete. Am Freitag, dem 9. April 1976, als er gerade wieder stabilisiert schien, nahm sich Phil Ochs im Alter von fünfunddreißig Jahren im Haus seiner Schwester Sonny nicht weit von New York City den Strick. Zehn Jahre vorher hatte am Ende einer getürkten Live-LP mit dem Titel „Phil Ochs in Concert“ ein Lied gestanden, das poetisch, aber klar beschrieb, warum es sich für einen engagierten Menschen zu leben lohnt. „When I’m Gone“ ist ein eindringliches Plädoyer gegen Mutlosigkeit und Resignation. Zehn Jahre später war es ihm selbst nicht mehr möglich, daraus Kraft zu schöpfen…

Heute machen Konservative die „68er“ speziell in Deutschland gerne für einen angeblichen „Anti-Amerikanismus“ hierzulande verantwortlich. Dies ignoriert Einflüsse, die in den ersten Nachkriegs-Jahrzehnten von den regierungskritischen sozialen Bewegungen in den USA selbst ausgegangen sind. Phil Ochs war in einer entscheidenden Phase dieser sozialen Bewegungen einer ihrer profiliertesten Sprecher. Und er hat ihr auch eine Singstimme gegeben. In der deutschen Folkszene haben sich nur wenige Künstler von Phil Ochs inspirieren lassen. Walter Mossmann beispielsweise hat mit einigen Ochs-Melodien eigene Texte transportiert. Kaum jemand hat sich aber hierzulande intensiver mit Phil Ochs auseinandergesetzt als Gerd Schinkel. Er hat mehr als 50 Ochs-Songs in die deutsche Sprache übersetzt oder in deutsche politische Zusammenhänge übertragen, um so ihren Charakter als topical songs zu wahren: mit einer Aussage von aktueller Bedeutung, früher, oder sogar bis heute. Gerd Schinkel porträtiert Phil Ochs und sucht auf sehr persönliche Weise in den Liedern des Künstlers nach Antworten auf Fragen, die sich aus dessen Biographie stellen.

 

Gerd Schinkel

Gerd Schinkel

Gerd Schinkel schreibt seit Anfang der siebziger Jahre eigene Lieder und übersetzt und überträgt Songs anderer Singer/Songwriter. Er war Mitbegründer der Bonner Polit-Folk-Kombo „Saitenwind“, die Ende der siebziger Jahre auch gelegentlich Moßmann musikalisch zur Seite stand. Er ist – anders als Phil Ochs – politischer Journalist geworden und war bis zu seinem Wechsel in den Ruhestand im Jahre 2013 politischer Hörfunkredakteur. Inzwischen gibt er vorrangig Konzerte, und zwar solo und mit seiner Gruppe, den „Kanuten“, auch auf Festivals wie z.B. beim „Folk-Frühling“ in Venne“ (2014 und 2015), beim Bardentreffen in Nürnberg (2015), beim tff in Rudolstadt (2013) oder beim Pfingstfestival auf der Burg Waldeck (2016, 2010 und 2007). Genauso tritt er aber auch häufig auf den Kundgebungen von Protestaktionen oder Demonstrationen auf, z.B. beim diesjährigen Auftakt des Ostermarsches am Karfreitag in Gronau, insbesondere gegen den unverantwortlichen Weiterbetrieb von Atomkraftwerken oder beim Protest gegen das Bahnprotzprojekt „Stuttgart 21“. Mit dem Lied „Der besondere Katastropheneinsatzplan“ schrieb er bereits 1976 eine der Hymnen der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Internet: gerdschinkel.jimdo.com

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